Baumfällungen, Baumpflege, Baumchirurgie, Baterovskyy
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06.05.2021
BAUMFÄLLUNG IN EINER GROßSTADT: ARBEIT ALS WAISENKIND DER GESELLSCHAFT

Fällen einer kranken Pappel

Düsseldorf, Ende November: man sieht bereits ein wenig von der Umgebung um 9 Uhr und man sieht nichts mehr um 17 Uhr.
Also: es ist 9 Uhr, die Straße ist eng und zugeparkt, der Verkehr ist dicht, die Verkehrsteilnehmer sind schlecht gelaunt und zappelig.
Der Himmel ist dunkelgrau, ein Nieselregen vervollständigt den Großstadtcharme.
Die Sicht ist trübe, tausende schimmernde Lichtpünktchen zittern in den Rückfahrspiegeln.
In die bereits mit den provisorischen Halteverbotsschildern versehenen Parklücken müssen nun ein 30 qm großer Container, ein Geländewagen und ein großer Anhänger hineingequetscht werden.
Das braucht Zeit – 3 bis 5 Minuten, der Verkehr wird angehalten.
Die Leute in den Autos sehen das nicht ein, sie fühlen sich in ihrem Recht auf Mobilität grob beeinträchtigt.
Sie hupen, sie schimpfen, einer versucht, an dem rangierenden Container-LKW vorbei zu huschen, kommt nicht weiter, blockiert dem LKW den Rangierraum. Die hinteren Autos rücken inzwischen vor – das Rückwärtsfahren geht nun auch nicht mehr, das Hupen wird zu einer Symphonie, die Scheibe einer Audi-Limousine wird heruntergekurbelt, eine wütende Frau darin kreischt hysterisch in Richtung LKW-Fahrer.
Gleichzeitig schiebt der Geländewagen den Anhänger in eine knappe, dunkle Einfahrt.
Auch das dauert 2 bis 3 Minuten. Die Passanten auf dem Gehweg sind geschockt – jetzt müssen sie warten. Eine sehr junge und sehr korpulente Dame mit einem Kinderwagen nutzt grimmig die Gelegenheit, sich eine Zigarette anzustecken.
Eine türkische Oma ist mit der Situation überfordert und fast den Tränen nah.
Ein Opa mit Hund sagt laut und deutlich, was er von diesen Idioten hält; nur der Hund kackt friedlich unter die Laterne.
Endlich sind 3 Minuten verstrichen, der Anhänger steht in der Einfahrt, die Gruppe setzt sich langsam in Bewegung. Man hört die Leute im Vorbeigehen etwas murmeln – nach einer Liebeserklärung hört sich das nicht an.
Durch das Hupen und Brüllen werden manche beruflich weniger ausgelastete Bürger in den umliegenden Mietshäusern geweckt. In den Fenstern tauchen verschwommene Gestalten auf.
Die erste Zigarette verklärt den Bürgern den Blick und ermöglicht, die Ursachen des ungeplanten Weckens zu erkennen – den LKW, den Container, den Geländewagen, den Anhänger – der Feind ist erfasst.
Die zweite Zigarette wird begleitet von dem ersten Morgenbier.
Dabei wird überlegt, wie man sich für das unverschämte Wecken rächen kann.
Der Regen nieselt unbeeindruckt weiter vom grauen Himmel herunter.
Der Arbeitstag beginnt.
In dem von Häusern umschlossenen Hof stehen vier alte, morsche Pappeln.
Im Stehen müssen sie entastet und dann bodennah abgetragen werden. Die spärlichen Äste gehören in den großen Anhänger, etwa 6 Tonnen Holz in den Container. Alles muss durch einen 1,7m hohen und 22m langen Keller mit 5 Stufen an jeder Seite hinausgeschafft werden.
Die Genehmigung für die Stellplätze wurde nach zweiwöchigem Verfahren nur für diesen Tag erteilt.
Die Zeit ist knapp für den Job aber bei gut überlegter Arbeitsweise könnte der Auftrag bis 17 Uhr erledigt werden. Alles kommt in Bewegung – die Bäume werden beklettert und abgetragen, die Äste geschleift, die Klötze geschleppt. Es läuft gut, der Zeitplan wird eingehalten.
Man glaubt, alles gut durchdacht zu haben. Man irrt sich aber.
Die Rache der geweckten Bürger oder evtl. des Opas mit dem Hund oder evtl. der containerhassenden Audi-Fahrerin wurde nicht berücksichtigt. Das war falsch.
Der erste Besuch erfolgt bereits um

10:30.  „Guten Morgen, Ordnungsamt. Der Chef möchte bitte vom Baum 'runterkommen“.
„Haben Sie bitte eine Genehmigung zum Abstellen des Containers?
Wir haben nämlich eine Meldung bekommen, dass der Container möglicherweise nicht ordnungsgemäß abgestellt ist.“
„Von wem haben Sie bitte die Meldung?“
„Das dürfen wir nicht verraten, Sie müssen’s verstehen – Datenschutz.“
„Die Person selbst interessiert mich kaum. Mich interessiert, welchen Grund hat dieser Mensch zur Annahme, dass der Container falsch steht?“
„Den Grund hat uns die Person nicht genannt.“
„Warum sind Sie dann gekommen?“
„Wir sind verpflichtet, auf jede Meldung zu reagieren.“
„Auf jede?“
„Auf jede.“
„Ich habe dann auch eine Meldung zu machen. Die Dame da – mit der ALDI-Tüte – hat ihren Wagen nicht ordnungsgemäß geparkt.“
„Wo ist ihr Wagen denn?“
„Ich weiß es nicht.“
„Woher wissen Sie dann, dass er falsch geparkt ist?“
„Auch das weiß ich nicht, ich nehme das nur an. Und soweit ich weiß, muss ich Ihnen keinen Grund für meine Annahme mitteilen. Ich mache eine Meldung beim Ordnungsamt und ich erwarte, dass die Hüter des Amtes pflichtbewusst auf meine – genauso wie auf jede andere Meldung – reagieren. Bitte beeilen Sie Sich, die Dame verschwindet gleich hinter der Ecke.“
Die Hüter zeigen jedoch kein Interesse an der Dame mit ALDI-Tüte, sie wollen die Genehmigung zum Abstellen des Containers sehen.
Eine halbe Seite – Ort, Datum, Unterschrift – wird 5 min penibel studiert.
„Es ist in Ordnung. Auf Wiedersehen.“
„Bloß kein Wiedersehen“ sage ich.

11:40. „Hallo, Polizei!  Werden hier Bäume gefällt? Wer ist zuständig für die Baustelle? Ist der Mann im Baum der Chef? Er soll bitte `runterkommen.
„Haben Sie eine Fällgenehmigung?“
„Ja, ich habe eine. Nur: seit wann ist eine Fällgenehmigung ein Fall für die Polizei?“
„Is’es auch nicht, aber wir hoffen – da wir schon mal hier sind – es macht Ihnen nichts aus, sie uns zu zeigen“
Die Baumfällgenehmigung ist anderthalb Seiten lang. Dementsprechend dauert das mehrfache Studieren auch länger. Man sieht den uniformierten Jungs an, dass sie sich doof vorkommen, ohne einen Grund gekommen zu sein und jemanden ohne Grund zu belästigen.
Also suchen sie nach dem Grund, auch wenn sie längst kapiert haben, hier gibt es keinen.
„Vielen Dank, auf Wiedersehen.“ „Lebwohl wäre mir lieber“, dachte ich.
Eine Mittagspause sollen wir lieber auslassen, die Brote werden im Laufen gekaut.
Die Gestalten auf den Balkonen vermehren sich, es wird geraucht und uns etwas zugerufen. Inhaltlich liegen die Zurufe recht weit auseinander – von „Jott sei Dank, die Scheißpappeln sind endlich weg!“ bis „Oh, Gott – was macht ihr mit unseren wunderschönen Bäumen!“.
Also, man versucht, die Bäume noch zu retten.

14:00. „Guten Tag, wir sind vom Grünflächenamt.“ Ein Herr, eine Dame.
Nein, mit den Mitarbeitern wollen sie nicht sprechen, nur bitte mit dem Chef. Er möchte bitte vom Baum ‘runterkommen.
„Haben Sie bitte die Befreiung von Baumschutzbestimmungen?“
Während der Herr die inzwischen etwas zerknautschten anderthalb Seiten studiert, befragt mich die Dame streng.
„Sind Sie sich absolut sicher, dass das, was Sie gerade tun, wirklich notwendig ist?“
Die hohlen und maroden Teile der bereits gefällten Bäume, die auf dem nassen Boden herumliegen, machen die Frage aus meiner Sicht überflüssig. Die Dame schaut die Teile aber nicht an, mit hochgezogenen Augenbrauen schaut sie mir ins Gesicht und wartet auf meine Antwort.
„Nein“ sage ich „ich bin mir nicht sicher. Ehrlich gesagt, ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Verstehen Sie, wir leben in einem Rechtsstaat, ich tue lediglich meine Pflicht, ich führe nur die Befehle aus, ich…“
„Petra“ lässt sich plötzlich der Herr vernehmen „hast du das unterschrieben?“
Die Dame dreht das Blatt einige Male hin und her. „Ich glaube ja“.
„Na dann“ sagt der Herr munter „Sie dürfen weitermachen. Tschüss“
„Tschüss ist besser als auf Wiedersehen“ sage ich.
„Hä?“ sagt die Dame.

Fällen einer kranken Pappel

15:30. Aus der Dämmerung tauchen zwei uniformierte männliche Personen auf. Sie sind sachlich. Für die Floskeln a la „Guten Tag“ verschwenden sie keine Zeit.
„Zollamt. Wer ist hier der Chef?“
„Zur Verfügung“
„Sind alle Leute hier bei Ihnen angestellt?“
„Ja“
„Haben Sie entsprechende Papiere?“
„Hier ist die Telefonnummer meines Steuerberaters. Er steht im Telefonbuch und im Internet. Er bestätigt Ihnen, dass hier alles in Ordnung ist.“
Einer der Männer bedient eine Weile sein Smartphone.
„OK“ sagt er dann „Sie wissen, was Sie riskieren, wenn Sie die Leute schwarz arbeiten lassen?“
„Ja, ich weiß es.“
„Na, dann passen Sie also auf.“
„Ich passe auf“.
„Auf Wiedersehen.“
„Ich hätt‘ lieber Tschüss.“

18:00. Es ist inzwischen stockdunkel und regnet heftig. Im Laternenlicht müht sich der LKW-Fahrer ab, den Container anzuhängen. Der Verkehr wird angehalten.
Die Leute in den Autos sehen das nicht ein, sie fühlen sich in ihrem Recht auf Mobilität grob beeinträchtigt. Sie hupen, sie schimpfen. Jemand versucht, vorbei zu huschen.
Ich habe das Gefühl, diese Szenerie vor langer, langer Zeit schon einmal gesehen zu haben....

Fällen einer kranken Pappel

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